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Der Glockenpfarrer und
die Glocken der Desingeröder Kirche

von Reinhard Schulzig


Vom 8. bis 11. Juni 2006 wurde in Desingerode der 250. Jahrestag der Weihe der St.-Mauritius-Kirche feierlich begangen. Die Glocken dieser Kirche haben eine sehr interessante Geschichte, die zum Teil eng mit der Geschichte der Glockengießerei in Hemelingen bei Bremen verbunden ist.

Der Glockenpfarrer Carl

Wenn man in dem vor kurzem erschienenen (sehr gelungenen) Kirchenführer "Die Kirchen im Eichsfeld" zur Hand nimmt und bei den einzelnen Kirchen in der Rubrik "Glocken" nachschaut, findet man oft den Hinweis, dass eine oder mehrere der Glocken von der Glockengießerei in Hemelingen bei Bremen gegossen worden sind, so z. B. die Glocken der Propsteikirche in Duderstadt. Nach dem Tode des Pfarrers Johannes Friedrich Gödeke am 27. Oktober 1877 - in der Kulturkampfzeit - bekam Desingerode länger als sieben Jahre keinen Pfarrer. Das Verhältnis zwischen Staat und Kirche war vergiftet. Desingerode wurde von Nachbargeistlichen mitversorgt. Der Kirchenvorstand machte sich für den Kaplan Schlote "von Bilshausen" stark, weil dieser "eine so schöne Vertretung" geleistet habe. Doch der Generalvikar und spätere Kardinal in Breslau, Georg Kopp, musste aufgrund der allgemeinen Bedingungen eine Neubesetzung der Pfarrstelle in Desingerode ablehnen. Erst am 24. Februar 1884 kam mit dem Hilfsgeistlichen (Kaplan) Carl 3 wieder ein Geistlicher nach Desingerode. Carl war am 15. Februar 1838 in Duderstadt als Sohn eines Schuhmachers geboren worden und wurde am 24. August 1864 in Hildesheim zum Priester geweiht. Weitere Stationen seines Priesterlebens waren:

- 11.1.1863 bis 1865: Cooperator1 in Fuhrbach
- 1. Oktober bis 31. Oktober 1863: Aushilfe in Gieboldehausen
- Mai 1865 bis 20.Oktober 1866: Missionar in Verden/Aller und Lehrer in Kettenburg in der Nähe von Elze.
- 20. Mai bis 20. Oktober 1866: Missionar in Hemelingen bei Bremen,
- danach bis 1884: Pfarrer in Hemelingen, als der 3. Pfarrer überhaupt in dieser Gemeinde.
- 1884: Hilfsgeistlicher in Desingerode
- ab 1. Juli 1884: Pfarrer von Desingerode

Zusammen mit seinem Bruder Franz gründete er in Hemelingen bei Bremen die später weltweit bekannte Glockengießerei . Er selbst wurde zu einem anerkannten Fachmann für Glockenwesen. Er betätigte sich auch als Fachautor auf diesem Gebiet. Von ihm wurden veröffentlicht:

1. 1871 im "Organ für christliche Kunst" "Artistische Bemerkungen über Glocken". Eine fachliche Beurteilung und Beschreibung etlicher Geläute bzw. einiger besonderer Glocken von Kirchen im Eichsfeld und weit darüber hinaus.

2. 1887 im Eigenverlag das Buch "Theorie der Glockentöne - eine akustische Monographie." Leider ist dieses Werk heute auch in Archiven und Bibliotheken (z. B. der SUB Göttingen) nicht mehr vorhanden.2

Carl war immer ein zurückhaltender, ja fast schüchterner Mann. Ein Zeitgenosse sagte über ihn, er habe sogar ungern gepredigt. Schulrat Josef Kellner aus Coesfeld veröffentlichte 1968 in "Die goldene Mark, 19. Jg., 1968, Heft 4, S. 73-76" einen Aufsatz, der den Menschen Carl in Erzählform beschreibt. In Desingerode sorgte für eine neue Kirchturmuhr, zu der er drei Schlagglocken in Hemelingen gießen ließ. Die größte von ihnen dient heute noch als Angelus-Glocke. Unter seiner persönlichen Leitung wurden 1897 in Hemelingen zwei große Glocken für die Desingeröder Kirche gegossen. Die Anschaffung einer dritten Glocke scheiterte am Widerstand des Kirchenvorstandes in Desingerode und wurde 1956 unter dem Pfarrer Ludwig Debray nachgeholt.
1905 stürzte die Kellerdecke des 1666 erbauten Pfarrhauses ein. hatte schon mehrere Jahre darauf gedrungen, ein neues Pfarrhaus zu bauen, war aber an der Ablehnung des Kirchenvorstandes gescheitert. Der Einsturz der Decke machte nun einen Neubau unabdingbar. Dieses Haus steht heute noch und wird als Pfarrhaus genutzt. war in den letzten Jahren seines Dienstes in Desingerode oft krank und der Bischof schickte immer wieder einen Kaplan zur Hilfe. Scheinbar hat es in dieser Zeit in Desingerode nicht mehr gefallen, denn er schrieb am 10. August 1910 an den Hildesheimer Bischof Dr. Adolf Bertram:

"Hochwürdigster Herr Bischof, Gnädigster Herr! Euere bischöflichen Gnaden möchte ich hierdurch herzlich bitten mich mit dem 01. Oktober des Jahres pensionieren zu wollen. Sollten euere Gnaden es vorziehen, hier einen Pfarrverweser anzustellen, der die Pfarrgeschäfte führt, so ist mir das auch recht. Denn es kommt mir darauf an, von hier wegzuziehen, weil es mir ganz zu wider geworden ist zwischen den hiesigen Leuten zu wohnen. Für das bisschen Lebenszeit, das mir der liebe Gott noch schenkt, möchte ich den Verdruss, welchen mir der Bau des Pfarrhauses und zweier Schulgebäude verursacht hat und der sonstigen Hetzereien, unter denen ich seit Jahren zu leiden habe, entfliehen. Da ich inzwischen 72 Jahre alt bin und in Folge meiner Herzkrankheit seit 12 Jahren trotz der Schonung praktisch dienstunfähig bin, hoffe ich zuversichtlich, dass euere bischöflichen Gnaden meiner Bitte entsprechen werden, wofür ich immer dankbar bleiben werde. Herr Kaplan Saenger hat mir auch zu diesem Schritt geraten. Untertänigst und gehorsam Carl , Pfarrer"

Bischof Bertram hat dem Wunsch des Pfarrers entsprochen. Im Herbst des Jahres 1910 zog sich in aller Stille aus Desingerode zurück und ging zunächst nach Bremen. Weil ihm aber das Klima dort nicht gefiel und seiner Gesundheit abträglich war, zog er später an den Rhein nach Düsseldorf-Wersten. Hier starb er am 4. März 1917 im Alter von 79 Jahren. Die von ihm mitbegründete Glockengießerei wurde 1971 wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten geschlossen. Desingerode hatte also einen echten Glockenfachmann zum Pfarrer, der die lange Geschichte der Desingeröder Glocken maßgeblich mitbestimmte.

Die Glocken der Desingeröder Kirche

Im Jahr 1497 wird für Desingerode eine zwanzig Zentner schwere Glocke gegossen. Die Glockeninschrift lautete: "anno dm mccc xcii hilf o goth maria berothe sanktus mauritius".

1546 nennt ein Inventarverzeichnis des Duderstädter Pfarrers Heinrich Bunthe für die Desingeröder Kirche drei Glocken3.

1894 wird, angeregt durch Pfarrer Carl , die alte Glocke von 1497 eingeschmolzen und zum Guss von zwei neuen Glocken genutzt.4 Die große Glocke trägt die Inschrift: "Maria, mater gratiae, Mater misericordiae, Tu nos ab hoste protege, In hora mortis suscipe!" (Maria, Mutter der Gnade, Mutter der Barmherzigkeit, du schützt uns vor dem Feind, nimm uns auf in der Todesstunde.) Die zweite Glocke trägt folgende Inschrift:5 "Sankte Mauriti, noster patrone, Juva nos tua oratione!" (Heiliger Mauritius, unser Schutzherr, hilf uns durch dein Gebet). Ein Jahr später, 1895, werden für Desingerode drei kleine Schlagglocken für den Stundenschlag der neuen Kirchturmuhr bei in Hemelingen gegossen. Die kleinere Viertelstundenglocke trägt die Inschrift: "Quarta simul cum secunda tempus tibi signo" (Ich zeige dir die Viertel- und Halbestunde). Die größere Viertelstundenglocke hat folgende Inschrift: "Horam querenz primam exspecta docentem" (Die erste Stunde suchend, erwarte die Botschaften). Die Stundenglocke, die auch geläutet werden kann und noch heute als Angelus-Glocke dient, hat die Inschrift: "Hora ruit, sed lotis fides nobis semper manebit" (Die Stunde eilt [stürmt], aber uns Gereinigten [Getauften] bleibt immer die Treue Gottes [der Glaube]).

In den beiden Weltkriegen wurden viele Glocken beschlagnahmt, weil das Metall für die Rüstungswirtschaft gebraucht wurde. Im Ersten Weltkrieg wurden historisch wertvolle Glocken nicht beschlagnahmt, und die Desingeröder Glocken blieben deshalb verschont. Auch im Zweiten Weltkrieg wurden die Glocken ähnlich eingestuft, aber trotzdem wurden sie abtransportiert. Glücklicherweise wurden sie aber nicht eingeschmolzen und 1947 auf dem sogenannten "Glockenfriedhof", einem Gelände in Hamburg-Wilhelmsburg, wieder aufgefunden.

1962 wurde aus Anlass des 25-jährigen Ortsjubiläums des Pfarrers Ludwig Debray6 eine dritte große Glocke bei der Firma in Hemelingen gegossen. An zwei verschiedenen Stellen stehen die Inschriften: "Ludwig Debray 25 Jahre Pfarrer Desingerode St. George, ora pro nobis" (Hl. Georg bete für uns). Die zweite Inschrift soll an den Patron der Esplingeröder Kapelle, den hl. Georg, erinnern.

Die Sage von der Desingeröder Glocke

Jedes Kind in Desingerode kennt auch heute noch die Sage von der Desingeröder Glocke. Nach dieser Sage hüteten die Nesselröder Hirten zwischen Nesselröden und Werxhausen ihre Schweine. Eines Tages wühlte eines der Tiere die Aufhängung einer Glocke frei. Dieser Fund sprach sich schnell auch im Dorf herum und die Leute kamen zur Weide gelaufen. Die Schaulustigen versuchten auf vielerlei Weise, die Glocke aus dem Sumpf zu ziehen, was aber immer misslang. Unter den staunenden Blicken der Menschen befestigte schließlich ein unbekanntes Mädchen sein Haarband an der Glocke, zog sie mühelos heraus und verschwand sofort wieder. Der Dorfschulze entschied, die Glocke auf einem Ochsenwagen zur Kirche in Nesselröden zu bringen. Die Tiere waren aber nicht zu bewegen, den richtigen Weg einzuschlagen. Auch in Werxhausen blieben sie nicht stehen, sondern zogen weiter bis vor die Kirche in Desingerode. Hier wurde die Glocke abgeladen, weil die Tiere nun plötzlich nicht mehr einen Schritt tun wollten.

Glocken der Gießerei , Hemelingen, in Eichsfelder Kirchen8

Arenshausen 1 Glocke von 1925
Bernterode (HIG) 1 von 1894
Bernterode (Wipper) 1 von 1922
Bickenriede 1 von 1894
Birkenfelde 1 von 1920
Birkungen 1 von 1922
Breitenholz 1 von 1919
Burgwalde 1 von 1921
Desingerode 2 von 1894;
1 von 19629
Deuna ? Glocke(n) von 1926
Duderstadt ("St. Cyriakus") 4 von 1951
Eichstruth 1 von 1920;
1 von 1922
Fretterode, kath. Kirche 1 von 1922
Geismar 1 von 1922
Gerbershausen 1 von 1934
Gernrode 1 von 1922
Gieboldehausen, kath. Kirche 3 von 1919
Großbartloff 1 von 1919
Großtöpfer, kath. Kirche 1 von 1902
Hausen ~ 1 von 1921
Hohengandern 1 von 1925
Hülfensberg 1 von 1922
Kalteneber 1 von 1927
Kefferhausen, St. Cyriakus 1 von 1889
Kirchworbis 1 von 1922
Kleinbartloff 1 von 1903
Lenterode 1 von 1919
Lutter 1 von 1921
Mackenrode 1 von 1920
Obernfeld 1 von 1926
Rengelrode 1 von 1919
Rimbach 1 von 1929
Schachtebich 1 von 1889
Schierschwende 1 von 1887
Schwobfeld 1 von 1899
Siemerode, St. Nikolaus 1 von 1920
Thalwenden 1 von 1920
Uder, kath. Kirche 1 von 1910

Literaturhinweis:

Aufsatz von Rektor Wüstefeld "Eine Eichsfelder Glockengießerfamilie" in "Unser Eichsfeld" 4/1924
Anmerkungen
1 Ein Priester, der den Ortsgeistlichen unterstützt und in der Seelsorge mitarbeitet.
2 Sollte jemand wissen, wo dieses Werk noch vorhanden ist, bittet der Verfasser um eine Nachricht.
3 Diek: Sankt Cyriakus.
4 Arand, Martin: Desingerode - Eine Heimatschrift. 1972.
5 Walter, Karl: Glockenkunde. 1913. In diesem Werk findet sich auch ein Verzeichnis von Kirchen in aller Welt, an die die Firma Glocken geliefert hat. Beim Übersetzen der Inschriften hat freundlicherweise Herr Pfarrer em. Albert Stechmann, Desingerode, geholfen.
6 Ludwig Debray (1891-1974) war von 1937 bis 1966 Pfarrer des Ortes. Von ihm wird heute noch viel im Dorf erzählt.
7 Arand: Desingerode (Anm. 4).
8 Vgl. Lucke, Keppler, Kapp u. a.: Die Kirchen im Eichsfeld. Kirchen- und Kunstführer. Duderstadt 2005. Wesentliche Hinweise zu Eichsfelder Glocken sind von Andreas Philipp, Göttingen.
9 Die Schlagglocken sind hier nicht mitgezählt.